„And the Oscar goes to…“ oder Ein Leben im Konjunktiv

Das R-Wort. Wenn man durch die Flure unseres hochmodernen Verlagshauses im Münchner Süden ging („Arbeiten, wo andere Menschen Urlaub machen“, so unser ehemaliger Werbeleiter. Komischerweise ist mir nie ein Urlauber begegnet. Aber vielleicht bin ich zu sehr auf Menschen mit großen Kameras über dem Bauch und lustigen Sonnenhüten fixiert), hörte man es manchmal leise hinter verschlossenen Redaktionstüren und vermutlich hinter vorgehaltener Hand. Das R-Wort. Verpönt, diskriminierend. Man durfte es nicht aussprechen, nein, noch nicht einmal denken. Das böse Wort. Unser Flaggschiff, das große Gesundheitsmagazin, das es in fast jeder Apotheke kostenlos zum mitnehmen für quasi fast jede und jeden Kunden gibt, wurde damit zutiefst beleidigt. Nein, wir sind jung, wir sind vital, wir sind für ALLE da! So wurde es uns vermittelt, so wurde es uns jahrelang in unsere Verlags-DNA geschrieben.

Und dann DAS! Noch immer läuft mir ein leichter Schauer über den Rücken, wenn ich daran denke, wie sich die Welt für uns, für mich, für immer veränderte.

Die Mail ging an alle.
„Wir suchen die Heldin für unsere Foto-Lovestory. Wir machen zu unserem Jubiläum eine Rentnerbravo.“

RENTNERBRAVO!!!! Da war es! Das R-Wort!!!! Hochoffiziell, von der eigenen Redaktion an alle Kolleginnen und Kollegen gerichtet, wurde aus dem R-Wort ganz plötzlich und wie selbstverständlich ein Projekt. Ich war geschockt. Für einen kurzen Augenblick stand die Welt still. Hier. In meinem Homeoffice. Ich schaute aus dem Fenster. Eine Amsel flog auf unseren Balkon und pickte die letzten Körner aus dem kleinen Vogelhäuschen. Auf der Straße hörte man die Stimmen der Nachbarn aus dem Erdgeschoss. Die Welt drehte sich weiter.

Doch für mich war nichts mehr wie es einmal war. Denn ich wollte es. Ja, ich wollte die Heldin sein. Die Heldin in der Rentnerbravo! In der Bravo! Und auf einmal war ich wieder 12 Jahre alt. Damals, als Mutti uns jeden Freitag von dem wöchentlichen Einkauf bei Edeka die Bravo mitbrachte. Und wie aus drei lieben Geschwistern drei wilde aggressive Raubtiere wurden, die auf die Beute warteten. Jung und hungrig. Und als die Beute vor uns lag, stürzten wir uns auf sie. Die Poster waren auf Vorder- und Rückseite. Es ging um David Cassidy oder Sweet. Abba oder Alice Cooper. Leben und Tod. Und die Beute hing dann wie eine Trophäe an der buntgemusterten 70er Jahre Tapete im Kinderzimmer. Rock me Baby!

„Petra, wir möchten dich sehr gerne als Heldin für unsere Foto-Lovestory. Du spielst Ingrid, die sich zwischen Dieter, dem Unsympathen und dem smarten Apotheker Peter entscheiden muss.“

Jaaaa! Es war kein Traum, es war real! Sie haben wirklich MICH genommen! MICH!! Nun wurde es also ernst. Die ersten Besprechungen im Team. Was ziehe ich an? Das kleine Schwarze? Ich sah mich als laszive Verführerin, mit knallroten Lippen, an denen die edle Zigarettenspitze hing. Verrucht, sexy. Lauren Bacall. Jane Russell. Marlene Dietrich.
Ich übte vor dem Spiegel. Jede Mimik, jede Geste musste sitzen. Denn ich wusste es. Diese Rolle würde mein Leben verändern.

Zieh am besten etwa Neutrales an. Bitte nicht zu dunkel, das schmiert sonst so beim Druck zu.“

Gut. Der hellblaue Pullover stand mir schon immer gut – jedenfalls laut Aussage meiner Mutter passte er so wunderbar zu meinen Augen. Und dazu dann die schicke enge schwarze Hose, die die Figur so schön betonte.

„Untenrum ist es eigentlich egal. Das sieht man bei den Aufnahmen eh nicht.“

Egal. Ich fühlte mich gut. Es konnte losgehen.

Letzte Besprechungen im Team – und am kommenden Samstag sollte es dann soweit sein. Um 8 Uhr pünktlich in einem schicken Restaurant in Neuhausen. Ihr könnt euch auf mich verlassen. Ich mache euch die Ingrid, so wie noch nie eine Ingrid auf der Bühne gespielt wurde. Voller Inbrunst, Leidenschaft und Hingabe. Große Schauspielkunst in der „Bikini Martini Honolulu Bar“. (Anmerkung der Redaktion: Der Name des Restaurants wurde aus Gründen des Datenschutzes geändert, die Autorin hat sich hier einfach mal kreativ ausgetobt.)

Die Nachricht kam am Mittwoch.
„Petra, leider fällt unser Fotoshooting aus. Wegen Corona ist es einfach zu gefährlich. Stattdessen machen wir eine Comic-Lovestory.“
Punkt. Schluss. Aus. Ende?

Ende?

Ich ließ meinen Gedanken freien Lauf. Was wäre gewesen, wenn…? RTL hätte natürlich sofort angerufen. „Wir haben dich in der Rentnerbravo gesehen und waren einfach nur geflasht. Nun möchten wir dich unbedingt als nächste Bachelorette.“ Junge testosteron gesteuerte Männer mit knackigen Hintern zanken sich um mich. Gut, den Ton müsste man vielleicht abschalten, aber why not? Als ersten Karriereschritt. Danach das Dschungelcamp. Vielleicht etwas anstrengender, aber wann bekommt man schonmal die Chance, einen Känguru-Hoden zu knabbern?

Dann würde die Bunte anrufen. Cover und Homestory. 14 Seiten. Ich beim Blumen gießen und staubsaugen. Anschließend die Hauptrolle in Til Schweigers neuer Beziehungskomödie. An der Seite von Elyas M’Barek. Dann die große Netflixserie mit europäischem Staraufgebot. Catherine Deneuve, Emma Thompson und ich. Wir spielen drei Spioninnen in einer Frauen-WG in Zeiten des kalten Krieges. Catherine kocht Ratatouille, Emma Roastbeef und Yorkshire Pudding. Ich decke den Tisch. Politisch brisant, hochaktuell und von mörderischer Spannung.

Danach wird Hollywood auf mich aufmerksam. Es geht Schlag auf Schlag. Martin Scorsese, Stephen Spielberg, die Coen Brüder, James Cameron („Titanic 2“) wollen mich.

Und dann, endlich, die Krönung.
Los Angeles, Dolby Theatre, Oscarverleihung.
„Nominiert für die beste weibliche Hauptrolle sind… Meryl Streep, Cate Blanchett und… Petra Aickstad (Amerikaner können meinen Namen einfach nicht. Egal) !“

Meryl Streep wie immer elegant in Dior, die atemberaubende Cate Blanchett trägt Armani, ich in meinem kleinen Schwarzen von Esprit. Die Spannung ist kaum zu überbieten.
„And the Oscar goes too….“

Ich zittere am ganzen Körper. Mein Puls steigt. Ich schwitze wie noch nie in meinem Leben.

Es klingelt. Ich öffne vorsichtig die Tür.
„Oh my God!!! Thank you! Ich möchte allen danken, die immer an mich geglaubt haben. Danke, danke, danke. Meine Familie…“, hauche ich.
„Hallo, hören Sie nicht zu?“, werde ich unterbrochen. „Wären Sie so nett und könnten das Paket Ihrer Nachbarin aus dem dritten Stock entgegen nehmen?“ Der DHL-Bote zeigt mir bereits den Handscanner. „Bitte hier unterschreiben, ja?“

Ich unterschreibe. Dann drückt er kurz meine Hand und schaut mir in die Augen. Ich nehme meine Brille wieder ab. Für einen kurzen Augenblick sah er aus wie Leonardo diCaprio. Ich schwöre!

2 Comments

  1. …junge testosteron gesteuerte Männer mit knackigen Hintern….

    …herrliche bildhafte „Träume“..
    Super lustig und toll geschrieben – so wird aus dem „hässlichen“ Entchen auch eine stolze, tolle „Schwanenfrau“!

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