Rezension „The Unforgettables – Der Tod vergisst nie“

von Renate zu Schnappling-Klöthausen, Chefredakteurin und Herausgeberin von kino.heute

The Unforgettables - Der Tod vergisst nie
Kimberley King, Robert W. Taylor und Ethan Drifter haben viel Spaß bei den Dreharbeiten

Vorweg:
Ich war gespannt. Auf den Film. Auf die Besetzung. Und auf die Musik.
Das Westerngenre neu belebt – oder wiederbelebt? Eichreiter Productions hat mächtig die Werbetrommel gerührt; man sagt in der Branche, es wurden Millionen im drei(!)stelligen Bereich in die Hand genommen, Weltstars wie Ethan Drifter, Kimberley King und zu guter Letzt sogar noch Robert W. Taylor mit großen Summen, ja, soll man sagen „geködert“? Und als Sahnehäuptchen die Koen-Schwestern (!) ins Boot geholt, die, verzeihen Sie mir die Worte, in der Branche als schwierig, eitel, aber eben auch als genialisch gut beschrieben werden.

Und herausgekommen ist… ein Meisterwerk!
Ja, es fällt mir nicht leicht, dies so zu formulieren. Sie kennen mich. Aber ich muss gestehen, ich war mehr als nur beeindruckt. Ich war hingerissen!

Die Story:
Boy meets Girl. Johnny und Angel. Girl meets Boy. Angel und Johnny. Ein Schuss. Zwei Treffer. So banal, aber es fasst die Tragik, das Drama, die innere Zerrissenheit, die menschliche Tragödie brutal zusammen. Zwei Menschen gehen ihren Weg, steinig, trocken, fast morbide. Und immer am Abgrund. „The Unforgettables“. Wie treffend. Schon der Titel ein kleines Meisterwerk. „Der Tod vergisst nie“. Da hat Eichreiter Productions noch einen drauf gesetzt. Hier geht es um Leben. Und der Tod kreist wie ein Adler mal munter zwitschernd, mal finster mit Häme mit und um die beiden. Nein, um die drei. Denn auch das Böse (wunderbar personifiziert von Taylor, aber dazu komme ich später) ist immer und überall. Es lauert. Es schleicht, es schlurft um die Ecke. Es windet sich. Es ist das große menschliche Drama wie schon bei Homer. Die griechische Tragödie in Reinkultur. Die Odyssee zweier ewig Suchenden in wunderbaren Bildern, optisch wie immer herausragend in erster Linie von Vera Koen umgesetzt. Es wird geschossen. Es wird blutig. Alles wird gut?

Die Figuren:
Angel
„Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.“ (Lukas 2, 9-10)

Kimberley King
Kimberley King trägt ihre Haare gern offen


Dieser Engel ist ein Wesen wie aus Tausendundeiner Nacht: Bezaubernd, betörend, sinnlich, erotisch, verführerisch, eiskalt, berechnend, wunderschön, zart, hochsensibel, musikalisch, introvertiert, liest und backt gerne und trägt im Bett rote Wollsocken. Ihr Lieblingsgericht ist Kartoffelsalat mit weißen Bohnen und Speck. Welcher süßer Boy, der auch noch gut reiten kann (kicher), schreibt ihr?

Und Kimberley King IST Angel! Aus gut informierten Kreisen weiß man, dass King nur die 512. Wahl war, aber unter anderem Charlize Theron, Scarlett Johansson, Cameron Diaz, Reese Witherspoon, Jennifer Lawrence, Jennifer Aniston, Nicole Kidman, Meryl Streep, Emma Stone, Julia Roberts, Natalie Portman, Uma Thurman, Angelina Jolie, Emma Watson, Gwyneth Paltrow, Kate Winslet, Anne Hathaway und Cate Blanchett – teilweise sehr kurzfristig – abgesagt bzw. sich einfach nicht gemeldet haben.

Und King bedankt sich mit einer Performance, die unter die Haut geht. Jane Fonda 2.0, wie sie ja in Insiderkreisen auch genannt wird, liefert ein Spektakel, das in die Filmgeschichte eingehen wird. Ihre Anmut, ihre tänzerische Eleganz, ihre fast absurd langen blonden Locken, es ist eine Wonne, ihr zuzusehen. Nach eigener Aussage hat sie extra 50 Kilo für diesen Film abgenommen, war 3 Monate allein in der eurasischen Steppe in Moldawien und hat sich nur von Brennnesseln und M&Ms ernährt. Oscarverdächtig!

Johnny
„Johnny B, how much there is to see?
Just open your eyes and listen to me
Straight ahead, a green light turns to red
Oh, why can’t you see, oh oh, Johnny B?“
The Hooters

Was wäre Angel ohne Johnny? Kaffee ohne Milch. Cindy ohne Bert. Ernie ohne Bert. Die Reihe ließe sich endlos fortsetzen. Pudel ohne Mütze. Würstchen ohne Senf. Apfelstrudel mit ohne Sahne.

Johnny, der Beschützer, der Starke, der Mutige. Der sich ins Feuer wirft, und anschließend die Kastanien aus demselbigen holt, der das Feuer im Herzen trägt. Es brennt, es lodert in ihm. Er will es. Er will SIE. Komm, du willst es doch auch. Und du bekommst es. Das Geld, die Liebe, die Anerkennung, den Mindestlohn. All das ist Johnny. Unser Johnny der Herzen.

Ethan Drifter
Ethan Drifter schießt, was das Zeug hält

Ethan Drifter – weit mehr als nur der „junge Gary Cooper“. Natürlich ist er der smarte Goodlooking-Boy, natürlich ist er der Lieblingsschwiegersohn, wie in unzähligen Rollen davor. Aber in „The Unforgettables“ kann er endlich zeigen, was er wirklich drauf hat. Starke Action, er hat alle Stunts selbst gedreht („Was Tom Cruise kann, kann ich schon lange. Außerdem bin ich zwei Zentimeter größer.“), herzhafter Männerschweiß. Aber er zeigt uns auch seine weiche, ja verletzliche Seele.
Um die Rolle tief zu verinnerlichen, lebte er nach eigenen Aussagen 6 Monate bei den Swazi in Swasiland, spricht nun fließend Bantu-Nguni und überzeugte als ausdrucksvoller Regentänzer. Oscarverdächtig!

Robert W. Taylor als Frank Murphy
„Roooooobääääääärt!“ (Carmen Geiss)

Robert W. Taylor
Robert W. Taylor schaut dir tief in die Augen, Kleines!

Der stets braungebrannte Oberarzt aus der „Weißwurst-Klinik“, der sich in unser aller Herzen seziert hat, kann auch böse!

Der Teufel trägt Schnäuzer. Wie Tom Selleck und Burt Reynolds, so ist natürlich auch unser „Sexiest Man alive“ Robert W. Taylor wieder eine absolute Augenweide. Und Taylor beherrscht sein Handwerk.

Wenn er sein diabolisches Grinsen aufsetzt, während er kunstvoll mit flinken Fingern die Bohnen für das Abendessen zubereitet, nimmt er uns mit auf seine grausame und blutige Reise. Und Frank Murphy kennt nur eins: Geld oder Liebe! Zielstrebig, dynamisch, mit einer gewaltigen Präsenz steht er da. Unmissverständlich, aber ergebnisoffen. Schwarz wie die Nacht. Dunkel wie der Tod. Und doch fühlen wir mit ihm. Dem letzten einsamen Wolf, der in den tiefen Abgründen seiner Seele gefangen zu sein scheint. Eins ist klar: Robert W. Taylor ist hier in der Rolle seines Lebens zu sehen!

Taylor hat zur Vorbereitung auf seine Rolle nach eigener Aussage 50 Kilo zugenommen. Hierfür lebte er 24 Monate bei seiner Mutter, die dem „Bua“ jeden Tag zwei warme Mahlzeiten („Mamas Eintöpfe sind die besten!“) kochte und absolvierte einen 5minütigen Tanz- und Fitness-Schnupperkurs bei Detlef D. Soost. Oscarverdächtig!

Schließen möchte ich mit Quentin Tarantino. Der ehemalige Praktikant bei den Koen-Schwestern hat mittlerweile auch Fuß gefasst in der Filmbranche: „In dieser Geschichte gibt es nicht die üblichen Helden, an denen man sich orientieren könnte. Man kann hier nichts und niemandem trauen. Zugleich kann man alles glauben, was irgendjemand sagt – die Entscheidung bleibt dem Zuschauer überlassen, der Autor enthält sich bei der Frage nach der Wahrheit. Im Verlauf des Films entwickelt sich hoffentlich die Meinung des Publikums – und am Ende hat jeder vielleicht einen ganz andere Story gesehen.“

Update: Soeben erreicht mich die Meldung, dass der vorgesehene Starttermin von „The Unforgettables – Der Tod vergisst nie“ auf November 2022 verschoben wurde. Möglicherweise wollte Eichreiter Productions sich nicht der Konkurrenz von MGMs James Bond „Keine Zeit zu sterben“ stellen. Feige.

Die Filmkritik (Kurzversion von 6 Minuten, hält man ja sonst nicht durch) von Renate zu Schnappling-Klöthausen, hier im Video: